GfS-Jahrestagung 2026 in Bochum: „Strukturpolitik und zukünftige Transformationskapazitäten vor Ort“

Am 16. und 17. Januar 2026 fand die Jahrestagung der Gesellschaft für Strukturpolitik (GfS) in Bochum statt. Unter dem Titel „Strukturpolitik und zukünftige Transformationskapazitäten vor Ort“ diskutierten rund 30 Teilnehmende aus Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die Frage, welche Voraussetzungen eine präventive und transformationsorientierte Strukturpolitik in Nordrhein-Westfalen künftig benötigt – und wie diese auf lokaler und regionaler Ebene wirksam umgesetzt werden kann.

Den Auftakt bildete am 16. Januar ein gemeinsamer Workshop der GfS mit der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL), Arbeitgruppe „Regionale Strukturpolitik unter Transformationsbedingungen“ in den Räumen der Ruhr-Universität Bochum. Ziel war es, aktuelle wissenschaftliche Perspektiven mit praktischen Erfahrungen aus der Strukturpolitik zusammenzuführen und Impulse für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung der Förder- und Governanceansätze zu geben.

Von Strukturwandel zu Transformation

In seiner Einführung machte Stefan Gärtner die wachsende Bedeutung einer ressort- und sektorübergreifenden Zusammenarbeit deutlich und unterstrich den Mehrwert der Kooperation zwischen ARL und GfS. Anschließend ordnete Anna Butzin die Fragestellungen des Workshops in den aktuellen strukturpolitischen Kontext ein.

Einen zentralen inhaltlichen Impuls setzte Nils Biermann (Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, Präsentation hier zum Download). Er unterschied klar zwischen klassischem Strukturwandel, der einzelne Branchen oder Regionen betrifft, und Transformation als politisch beschlossenen, gesamtgesellschaftlichen Prozess, der alle Sektoren erfasst. Strukturpolitik stehe dabei vor einer doppelten Aufgabe: der Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse und der aktiven Unterstützung der sozial-ökologischen Transformation.

Anhand aktueller Karten und Analysen zeigte Biermann, dass der Transformationsdruck längst nicht mehr auf strukturschwache Räume beschränkt ist. Auch bislang wirtschaftlich starke Regionen stehen vor erheblichen Anpassungsanforderungen – etwa im Hinblick auf Klimaneutralität, Energieversorgung und Resilienz. Entscheidend für das Gelingen von Transformationsprozessen seien Vertrauen, demokratische Teilhabe und transparente Governance. Fehlendes politisches Vertrauen könne Transformationsdynamiken erheblich bremsen.

Diskutiert wurde zudem die Weiterentwicklung des strukturpolitischen Zielsystems, das angesichts neuer Anforderungen erweitert werden soll, ohne bestehende Kernziele aufzugeben. Projektbeispiele wie der „Gerechte Übergang“ in den Revierparks des Ruhrgebiets im Handlungsfeld „Gerechter Übergang“, das Innovationsvorhaben Monocab in OWL oder neue Ansätze im Batterie- und Lithiumrecycling verdeutlichten, wie ökologische, wirtschaftliche und soziale Ziele miteinander verknüpft werden können.

Umsetzung vor Ort: Kapazitäten, Fokus und Governance

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Umsetzung transformativer Strukturpolitik auf lokaler Ebene mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Kommunale Verwaltungen agieren häufig vorsichtig gegenüber neuen Förderthemen, nicht zuletzt aufgrund komplexer Förderlogiken, hoher administrativer Anforderungen und begrenzter Personalressourcen. Daher ist eine Verstetigung der neuartigen Förderangebote hier besonders wichtig. Mehrere Beiträge mahnten an, Unterstützungsstrukturen und Kompetenzen in den Kommunen gezielt zu stärken und Förderinstrumente zu vereinfachen.

Zugleich wurde kritisch hinterfragt, ob eine stetige Ausweitung von Zielsystemen und Programmen die gewünschte Wirkung tatsächlich erhöht – oder ob stärkere Fokussierung und Priorisierung notwendig wären, um Akzeptanz und Wirksamkeit zu sichern. Parallel wurde auch auf die Bedeutung von Bildung, Qualifizierung und Forschung für einen erfolgreichen Strukturprozess hingewiesen. Dabei wurde betont, dass sich viele Ziele gegenseitig ergänzen: Die Förderung von Kreislaufwirtschaft kann z.B. zugleich Beschäftigung sichern, Kompetenzen aufbauen, Innovationspotenziale heben und regionale Wertschöpfung stärken.

Ein weiterer Diskussionsstrang betraf die Rolle der Ressorts und die Frage, wie integrierte Steuerung gelingen kann, ohne neue Parallelstrukturen oder überbordende Bürokratie zu schaffen. Nils Biermann betonte in seinen Vortrag dabei auch die Bedeutung von ressortübergreifender Zusammenarbeit und nannte einige gute Beispiele aus der Praxis, etwa gemeinsame und integrierte Förderangebote. 

Transformation in der industriellen Praxis

Einen praxisnahen Einblick bot der Beitrag von Martin Voigt und Michael Kauffmann von der Currenta GmbH & Co. OHG . Anhand der Transformationsstrategie des Chemparks mit den Standorten Leverkusen, Dormagen und Uerdingen zeigte er, wie industrielle Standorte auf Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft und neue Geschäftsmodelle ausgerichtet werden.

Im Fokus standen dabei nicht nur technologische Lösungen – etwa der schrittweise Ausstieg aus fossilen Energieträgern, die Nutzung grünen Stroms oder perspektivische CO₂-Verwertung –, sondern auch der notwendige Kulturwandel innerhalb der Organisation. Die frühzeitige Einbindung der Beschäftigten, klare Zielmarken und verlässliche politische Rahmenbedingungen wurden als zentrale Erfolgsfaktoren benannt.

Am Beispiel Dormagen wurde zudem deutlich, wie verwundbar monostrukturierte Standorte sein können und wie wichtig Diversifizierung, Flächenentwicklung und regionale Kooperation sind. Viele Ansiedlungen – insbesondere von Scale-ups – seien ohne gezielte Förderung kaum realisierbar. Gleichzeitig brauche es flexible, verlässliche Instrumente, die mit der Geschwindigkeit aktueller Transformationsprozesse Schritt halten können.

Austausch, Fokusgruppen und Ausblick

In vier Fokusgruppentischen vertieften die Teilnehmenden am Nachmittag zentrale Fragestellungen: Barrieren und Lösungsansätze präventiver Strukturpolitik, lokale Steuerung und Schlüsselakteure, Förderprogramme und Rahmenbedingungen sowie Zukunftsvisionen einer transformativen Strukturpolitik. In den abschließenden Zusammenfassungen wurde insbesondere der Bedarf an regionaler Netzwerksteuerung, starken intermediären Akteuren und interkommunaler Kooperation hervorgehoben. Auch neue, stärker zielorientierte und ggf. revolvierende Förderansätze wurden diskutiert.

Der Workshop machte deutlich, dass Strukturpolitik auch künftig nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen lösen kann. Umso wichtiger sei ein klares Leitbild, realistische Zeithorizonte und eine frühe, offene Beteiligung relevanter Akteure vor Ort. Transformation verläuft schneller in Wirtschaft und Technologie als in Politik und Gesellschaft – Strukturpolitik kann hier eine moderierende und befähigende Rolle übernehmen.

Mitgliederversammlung im O-Werk: Vom Bergbau über Opel zum Mark 51-7

Am 17. Januar schloss sich im O-Werk Bochum die Mitgliederversammlung der GfS an. Im Anschluss erhielten die Teilnehmenden durch Prof. Manfred Wannöffel Einblicke in die Entwicklung des ehemaligen Opel-Standorts Mark 51-7 und damit in ein konkretes Beispiel langfristiger, regionaler Transformationsprozesse.

Prof. Manfred Wannöffel zeichnete die lange, konfliktreiche und zugleich lehrreiche Transformationsgeschichte der Fläche nach und ordnete sie arbeits-, industrie- und strukturpolitisch ein.

Ausgangspunkt der Entwicklung war die frühere Zeche Dannenbaum und später das Opel-Werk Bochum, in dem zwischen 1962 und 2014 rd. 13,7 Mio. Fahrzeuge insbesondere des Modells Opel Kadett produziert wurden. Der Standort war dabei stets reiner Produktionsstandort ohne eigene Entwicklungsabteilung – ein Umstand, der sich in Zeiten sinkender Verkaufszahlen und interner Standortkonkurrenz zunehmend als strukturelles Risiko erwies. Frühzeitig erkannte der Betriebsrat diese Verwundbarkeit und initiierte eine intensive Mitarbeitermobilisierung sowie Kontakte zur Ruhr-Universität Bochum, um Perspektiven über die reine Produktion hinaus zu entwickeln.

Ein wichtiger Impuls war ab 2004 die verstärkte Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, die nach dem Nokia-Wegzug aus Bochum 2008 nochmals an Dynamik gewann. In dieser Phase entstanden neue Ideen für eine wissens- und transferorientierte Nutzung der Fläche, unter anderem mit der Einrichtung einer Juniorprofessur für IT-Sicherheit. Öffentliche Mobilisierungsformate wie das EU-Projekt „This is not Detroit“ im Schauspielhaus trugen dazu bei, die Transformation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sichtbar zu machen. Zentral war dabei die Entscheidung, die berufliche Ausbildung am Standort zu erhalten und weiterzuentwickeln – ein Ansatz, der zwar nicht unmittelbar in der geplanten Lernfabrik mit einem Fördervolumen von 10 Mio. Euro mündete, aber als Kristallisationspunkt für Kooperationen und neue Entwicklungsrichtungen diente.

Die Ansiedlung des DHL-Logistikzentrums – politisch stark gefördert und zunächst umstritten – erwies sich im Rückblick als ambivalenter, aber stabilisierender Faktor. Mit rund 800 Arbeitsplätzen, hoher betrieblicher Diversität und internationaler Belegschaft trug sie zur sozialen und wirtschaftlichen Belebung des Standorts bei. Gleichzeitig wuchs die Ruhr-Universität Bochum weiter und entwickelte sich mit Maker Spaces, Transferstrukturen und neuen Studienangeboten zu einem zentralen strukturpolitischen Anker auf der Fläche – ein „Glücksfall“ für Mark 51-7.

Besondere Bedeutung misst Wannöffel der institutionellen Verankerung von Transfer bei: Mit dem O-Werk wurden zentrale Transferaktivitäten gebündelt, im Mittelpunkt steht eine Akademie, ergänzt durch wirtschafts- und arbeitswissenschaftliche Einheiten. Für den Ausbau standen zeitweise rund 25 Mio. Euro zur Verfügung. Der Maker Space fungiert dabei als Schnittstelle zwischen Studierenden und Unternehmen. Mit dem Auslaufen der Förderung im Dezember steht das O-Werk nun vor der Herausforderung, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln – insbesondere vor dem Hintergrund, dass rein softwareorientierte Unternehmen wie das lokal ansässige VW Infotainment andere Anforderungen an Infrastruktur haben als klassische Werkstatt- und Produktionsformate.

Ein wiederkehrendes Motiv des Vortrags war die Bedeutung von Kontinuität und kooperativer Governance. Die Transformationslinie der Prodouktionsstandorte von Blackberry über Nokia bis hin zu neuen IT- und Infotainment-Akteuren verdeutlicht, dass nachhaltige Strukturentwicklung weniger durch Einzelansiedlungen als durch lernende Netzwerke entsteht. Dass die IG Metall zunächst nicht in zentrale Verhandlungen eingebunden war, später jedoch gezielt integriert wurde, unterstreicht die Relevanz sozialpartnerschaftlicher Ansätze. Wannöffel sprach in diesem Zusammenhang von einem Übergang vom „rheinischen“ zum „ruhrischen Kapitalismus“ – geprägt durch Aushandlung, Kooperation und gemeinsame Problemlösung.

Im Fazit betonte Wannöffel, dass viele tragfähige Ideen zur Zukunft des Standorts bereits vor der Corona-Pandemie entstanden seien. Die veränderten Arbeitsformen führen heute dazu, dass nur noch rund 60 Prozent der Flächen benötigt werden – was neue Spielräume, aber auch neue Anforderungen an Nutzungskonzepte schafft. Wo neue Strukturen, Beteiligung und sichtbare Zukunftsperspektiven entstehen, so eine zentrale Beobachtung, seien europaweit auch die Zustimmungswerte für rechtsnationale Parteien geringer. Die Bevölkerung begegne der Entwicklung von Mark 51-7 mit Neugier und Offenheit.

In der Diskussion wurden weitere Perspektiven eröffnet: von der Bedeutung kooperativer Arbeitsgestaltung (Humanisierung der Arbeit) über Herausforderungen der internationalen Konkurrenz – insbesondere im Automobilsektor – bis hin zu neuen Potenzialfeldern wie Cyber-Security, Künstliche Intelligenz und dem Gesundheitsbereich. Zugleich wurde deutlich, dass Transformationsprozesse stets durch das „Nadelöhr der Wirtschaftlichkeit“ müssen und soziale Rechte im Betrieb dabei nicht aus dem Blick geraten dürfen.

Der Beitrag von Prof. Dr. Wannöffel machte eindrücklich sichtbar, dass präventive und transformative Strukturpolitik langfristige Lernprozesse, institutionelle Stabilität und kooperativen Geist erfordert – und dass Transfer, Qualifizierung und Mitbestimmung dabei keine Nebenbedingungen, sondern zentrale Erfolgsfaktoren sind.

Fazit und Ausblick

Die Jahrestagung machte deutlich: Präventive und transformative Strukturpolitik erfordert mehr als neue Förderprogramme. Entscheidend sind handlungsfähige lokale Akteure, klare Zielbilder, langfristige Lernprozesse und kooperative Steuerungsformen. Nordrhein-Westfalen verfügt über ein hohes Kooperations- und Innovationspotenzial – die Herausforderung besteht nun darin, dieses Potenzial in wirksame, verlässliche und fokussierte strukturpolitische Strategien zu überführen.

Die GfS dankt der ARL für die Mitorganisation, der Uni Bochum für die kostenfreien Räumlichkeiten am Freitag, allen Referierenden für ihre Impulse sowie den Teilnehmenden für den intensiven, offenen Austausch.