Im Nachgang zur Jahrestagung in Bochum lud uns die Südwestfalen Agentur am 27. und 28. Februar 2026 zu einer Fachexkursion ein. Ziel war es, die aktuellen Entwicklungen der REGIONALE 2025 im Austausch mit Akteuren vor Ort zu analysieren. Südwestfalen, das bereits 2013 Austragungsort war, nutzt dieses strukturpolitische Instrument des Landes Nordrhein-Westfalen zum zweiten Mal, um regionale Kooperationen und innovative Projektansätze zu bündeln.
Station 1: „Der südwestfälische Weg“ – Kooperation als Strukturprinzip
Auftakt der Exkursion war das ZukunftsLab der Südwestfalen Agentur in Olpe. Landrat Theo Melcher (Kreis Olpe), Geschäftsführer Hubertus Winterberg sowie Dr. Stephanie Arens (Leitung REGIONALE 2025) stellten die Entstehung, Organisation und strategische Ausrichtung der regionalen Zusammenarbeit vor.

Die heutige Struktur geht auf frühere Kooperationsformen – etwa im Tourismus und im Rettungswesen – zurück. Mit der REGIONALE 2013 wurde die Agentur als dauerhafte Strukturgesellschaft etabliert. Gesellschafter sind die fünf Kreise und 59 Kommunen sowie der Verein „Wirtschaft für Südwestfalen e.V.“ mit rund 440 unternehmerischen Mitgliedern. Dieses institutionalisierte Zusammenspiel von Politik, Verwaltung und Wirtschaft gilt als zentrales Merkmal des „südwestfälischen Wegs“.

Mit der Vision 2030 für Südwestfalen besteht eine strategische Grundlage, die Region als
- stärkste Industrieregion Deutschlands,
- bundesweit anerkanntes Kooperationsmodell und
- Inbegriff guten Lebens und Arbeitens
aufzustellen. Mit dem Leitmotiv „Starke Wurzeln, klare Visionen“ verfolgt die REGIONALE 2025 das Ziel, Projekte mit der Südwestfalen DNA (digital – nachhaltig – authentisch) für die Region zu entwickeln, um Antworten auf Zukunftsherausforderungen zu geben. Mehr als 50 Projekte in unterschiedlichen Themenbereichen sind entstanden und in Umsetzung. Das Fördervolumen der Projekte liegt bei etwa 130 Mio. Euro, ergänzt um weitere Mittel u.a. aus dem Smart-Cities-Programm des Bundes.
Hervorgehoben wurde die Bedeutung stabiler Kooperationsstrukturen, die auch in Phasen unklarer Förderkulissen – etwa zwischen zwei EFRE-Perioden – handlungsfähig blieben. Ein Landtagsbeschluss reservierte 5 % der EFRE-Mittel (rund 60 Mio. € Förderung aus der EU und Landes-Kofinanzierung) für die drei nordrhein-westfälischen Regionalen, die über einen eigenen EFRE-Aufruf in den jeweiligen REGIONALEN abgerufen werden konnten. Dies war ein Novum der REGIONALE-Förderung, die bislang ohne festes Budget auf bestehende Förderkulissen zugegriffen hatte. Diese Planungssicherheit erwies sich als „Gamechanger“ für die Umsetzung wirtschafts- und digitalisierungsbezogener Projekte.
Regionalmarketing: „Südwestfalen – Alles echt!“
Ein zweiter Schwerpunkt lag auf dem Regionalmarketing, den uns die Leiterin des Regionalmarketings Marie Ting vorstelle . Mit der Dachmarke „Südwestfalen – Alles echt!“ ist es gelungen, traditionelle Teilraumidentitäten (Sauerland, Siegen-Wittgenstein) unter einer gemeinsamen Marke zu bündeln.
Instrumente reichen von Imagekampagnen (u. a. bundesweite PR-Formate) über ein Online-Magazin bis hin zu innovativen Ansätzen wie dem „Gap Year Südwestfalen“, das Schulabgängerinnen und -abgängern ein regional verankertes Orientierungsjahr mit drei Praktika ermöglicht.

Die anschließende Diskussion mit der GfS kreiste insbesondere um Fragen der Erfolgsmessung, der Bindung akademischer Fachkräfte und der langfristigen Verstetigung der Kooperationsstrukturen über das Präsentationsjahr 2025/26 hinaus.
Station 2: GreenFactory und städtebauliche Transformation in Kreuztal
Konversionsprojekt „Holz.Stahl.Digital“
Auf dem ehemaligen Bender-Gelände in Kreuztal-Ferndorf wird eine rund drei Hektar große Gewerbefläche in ein gemischt genutztes Quartier mit 127 Wohneinheiten, gewerblichen Nutzungen und gemeinschaftlichen Angeboten transformiert. Stadtbaurätin Christina Eckstein öffnete uns die Gebäude und Hallen und veranschaulichte die Herausforderungen und Chancen des Stadtentwicklungsvorhabens.



Altlastensanierung, neue Erschließungskonzepte sowie ein harmonisch gestalteter Übergang zwischen Gewerbe- und Wohnnutzungen prägen das Projekt. Die Diskussion zeigte, dass die Aufgabe von großflächigen Gewerbestandorten in einer traditionell expansionsverwöhnten Industrieregion einen kulturellen Wandel markiert.
GreenFactory – Kreislaufwirtschaft in der Produktion
Am Campus Buschhütten in Kreuztal wurden wir durch Frau Dr. Gabriele Barten, Dr. hc. Axel Barten und Prof. Dr. Peter Burggräf begrüßt, die uns gemeinsam mit ihren Teams das REGIONALE-Projekt „GreenFactory“ vorstellten. In einer umgenutzten Industriehalle arbeiten sechs Lehrstühle der Universität Siegen gemeinsam mit inzwischen fast 100 Unternehmen an Themen der Digitalisierung, KI und Circular Economy.

Die GreenFactory versteht sich als Demonstrations- und Lernfabrik:
- Entwicklung zirkulärer Produktionsprozesse,
- Materialforschung (z. B. hochwertiges Recycling von Aluminium),
- additive Fertigung mit Sekundärrohstoffen,
- Integration von Sensorik in Produktionsanlagen und Werkstoffen.


Der Projektstandort verdeutlicht, wie industrielle Kernkompetenzen der Region mit Transformationsanforderungen (Klimaschutz, Ressourceneffizienz) verknüpft werden können. Gleichzeitig werden neue Formen des Transfers zwischen Wissenschaft und Mittelstand erprobt.
Station 3: Stadtentwicklung in Siegen
Der Samstag stand im Zeichen der Stadtentwicklung, die uns Stadtplanerin Marlene Krippendorf in Form eines Stadtrundgangs durch mehrere Innenstadt-Quartiere nahebrachte. Ausgangspunkt war das Projekt „Siegen zu neuen Ufern“ (REGIONALE 2013), bei dem die zuvor überdeckte Sieg freigelegt und das Innenstadtgefüge grundlegend neu geordnet wurde. Mit einem Investitionsvolumen von rund 23 Mio. Euro entstand ein öffentlicher Raum mit hoher Aufenthaltsqualität und spürbaren privaten Folgeinvestitionen.


Bei den weiteren Stationen beeindruckten u.a. die vielen Beispiele der strategischen Verzahnung von Hochschulentwicklung und Stadtumbau, u.a.:
- Verlagerung universitärer Einrichtungen in die Innenstadt,
- Umnutzung ehemaliger Kaufhaus- und Verwaltungsgebäude,
- Neuordnung des Schlossumfelds und Erweiterung des Siegerlandmuseums (REGIONALE 2025-Projekt).
Der Austausch machte deutlich, wie sehr Hochschulen als Impulsgeber und Chance für die urbane Transformation wirken können.
eleQtron: Quantencomputing aus Siegen
Abschließender Höhepunkt war der Besuch beim Start-up eleQtron GmbH in Siegen. Gründer und CEO Jan Leisse sowie CTO Michael Johanning erläuterten die Entwicklung des Unternehmens aus der universitären Forschung heraus.



eleQtron arbeitet mit Ionenfallen-Technologie und entwickelt skalierbare Quantencomputer, die komplexe Optimierungsprobleme – etwa in Logistik oder Materialforschung – perspektivisch deutlich effizienter lösen können als klassische Rechner.


Die Ausgründung steht exemplarisch für das Potenzial regional verankerter Deep-Tech-Ökosysteme: enge Anbindung an die Universität, Unterstützung durch Bundesprogramme und Risikokapital sowie erste Aufträge u. a. aus dem Umfeld von DLR und Forschungszentrum Jülich.
Fazit
Die Exkursion verdeutlichte, dass Südwestfalen seine industrielle Stärke mit kooperativen Governance-Strukturen und einem breiten Transformationsansatz verbindet. Auffällig ist die institutionelle Verstetigung der Zusammenarbeit über Projektzyklen hinaus sowie die konsequente Einbindung von Wirtschaft, Hochschulen und Kommunen.

Für die Gesellschaft für Strukturpolitik bot die Reise vielfältige Anknüpfungspunkte:
- Rolle regionaler Strukturgesellschaften,
- Verbindung von EFRE-Programmatik und regionaler Eigenstrategie,
- Fachkräftesicherung als Querschnittsaufgabe,
- Transformation industrieller Kerne durch Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung.
Die Gespräche bestätigten, dass der „südwestfälische Weg“ weniger auf spektakulären Einzelprojekten als auf langfristig gewachsenen Kooperationsbeziehungen basiert – und gerade darin seine strukturpolitische Relevanz entfaltet.
Ganz herzlichen Dank an unsere Gastgeberin Südwestfalen Agentur sowie die Referierenden vor Ort.



Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.